Das Institut ist Preisträger – plus: kreative Bürokratie, Oberstufenreform und OER Werkstatt

So sieht er aus – der Change Learning Award 2026! Die Bertelsmann Stiftung zeichnet damit Projekte aus, bei denen »unterschiedliche Akteure zusammenarbeiten und Veränderungen gemeinsam mit Mut, Leidenschaft und langem Atem vorantreiben«. Ausgezeichnet wurde damit 2026 das vom Institut für zeitgemäße Prüfungskultur angestoßene «LuPe²»-Projekt im Regierungsbezirk Detmold. In der Würdigung der beiden ausgezeichneten Projekte schreibt die Stiftung:
Diese Initiativen beweisen, dass mutige Veränderung möglich ist, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Übergeben wurde der Preis am Creative Bureaucracy Festival in Berlin. Hier einige Gedanken zum Thema dieses Events:
Wenn Schulaufsicht und Schulen gemeinsam lernen: Plädoyer und Preis für kreative Bürokratie im Bildungssektor
Bürokratie ist ein Begriff, der gegenwärtig selten deskriptiv und häufig normativ genutzt wird. Sie sei zu langsam, zu kompliziert, zu starr, nicht am Menschen orientiert, zu teuer etc. …
In einer solchen Generalkritik werden die Symptome schlechten Verwaltungshandelns gern mit Bürokratie als solcher verwechselt, denn das Kernprinzip von Bürokratie ist die regelgebundene, unpersönliche Entscheidung, also eben die Abwesenheit von Willkür. Das Gegenteil von Bürokratie ist mithin nicht Freiheit (es sei denn, man verwechselt Freiheit mit Libertarismus), sondern Willkür. So wundert es nicht, dass Staaten wie die USA, die sich auf die Fahne geschrieben haben, Bürokratie zuerst zu delegitimieren und dann abzubauen, derzeit vor Augen führen, was ohne Bürokratie bleibt: Wenig kontrollierte Macht, die vielerorts in Gewalt und Willkür umschlägt. Eine unparteiliche und regelgebundene Verwaltung ist mithin der entscheidende Faktor für institutionelles Vertrauen und demokratische Stabilität eines Landes.
Dazu passt das Motto des diesjährigen Creative Bureaucracy Festivals in Berlin: »Creative Bureaucracy – Stronger Democracy«. Wenn öffentliche Institutionen innovativ, transparent und nah an den konkreten Bedarfen der Menschen arbeiten, stärken sie das Vertrauen in demokratische Strukturen. Deshalb ist Verwaltungsqualität in erster Linie keine technokratische, sondern eine genuin politische Aufgabe.
Nun ist auch Schule auch eine öffentliche Einrichtung. Um ihre Qualität zu sichern, die Gleichbehandlung aller Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen und die Rechenschaftspflicht der Schulen zu sichern, gibt es die Schulaufsicht. Gewissermaßen liefert die Schulaufsicht idealerweise den Rahmen für die Einbettung von Schule in den demokratischen Staat.
Nichtsdestoweniger fühlt es sich für viele Menschen in Schule manchmal so an, als sei das Verhältnis von Schule und Schulaufsicht nicht ganz unbelastet (umgekehrt gilt das genauso): Manche Verfahren scheinen (zu) lange zu dauern, eine aufrichtige Kommunikation wird durch Hierarchie verhindert, das pädagogische Arbeiten durch Vorschriften behindert etc … Vielfach schränken sich Schulen in dem, was sie im Unterricht und in Prüfungen tun, durch die implizite Erwartung, Schulaufsicht würde ihnen dieses oder jenes verbieten, bereits präventiv stärker ein, als es das Schulrecht mit seinen vielfach und bewusst offenen Rechtsbegriffen erfordert.
An dieser Leerstelle setzt das Netzwerk LuPe² an. Getragen von Schulen, Schulaufsicht und der Bezirksregierung Detmold ist das Netzwerk ein Modellprojekt für gemeinsame Verantwortung. Die Teilnehmenden des Netzwerks haben Schulentwicklung weder als alleiniges Bottom-Up-Projekt, noch als Top-Down-Vollzug praktiziert, sondern als Kooperationsprojekt von sieben Schulen und oberer Schulaufsicht. Auf Augenhöhe haben wir in diesem Netzwerk an der Weiterentwicklung der Lern- und Prüfungskultur gearbeitet. Einige Schwerpunkte waren dabei:
- Constructive Aligment: Die Ausrichtung von Unterricht und Prüfungen auf dieselben anspruchsvollen, in der Regel nicht repetitiven Kompetenzziele
- Authentische Formate: Echte Projekte, Lerntagebücher, Reflexionen und Portfolios haben vielfach künstliche und isolierte Klausursituationen ersetzt.
- Lernbegleitendes Feedback: Leistungen wurden nicht bilanzierend am Ende benotet (summativ), sondern der Lernprozess wurde kontinuierlich durch Feedback unterstützt (formatives Assessment).
- Für komplexe Leistungen wie Kreativität oder Teamarbeit wurden neue Instrumente zur Leistungsrückmeldung entwickelt.
Eine solche Kooperation von Schulen und Schulaufsicht setzt voraus, dass beide Seiten ein Stück weit von ihren Präkonzepten von Schulaufsicht bzw. Schule ab- und sich auf Kooperation einlassen. Ein Format, mit dem wir bei dieser Kooperation sehr gute Erfahrungen gemacht haben, ist das Barcamp. Als Unkonferenz ohne vorab festgelegte Agenda und ohne die Hierarchie zwischen Vortragenden und Publikum ermöglichen Barcamps strukturelle Bedingungen für eine Begegnung auf Augenhöhe. Schulleitungen, Lehrkräfte, Mitglieder des Instituts saßen im selben Kreis, brachten ihre je eigenen Perspektiven auf offene Fragen mit und entwickelten gemeinsam Antworten.
(Uns ist klar: Kein Barcamp beseitigt Hierarchien, das war weder die Zielsetzung unseres Projekts noch halten wir das für sinnvoll. Für den Moment der gemeinsamen Arbeit sind diese Hierarchien aber irrelevant.)
Was dabei im Netzwerk LuPe² quasi als Begleiterscheinung entstanden ist, ist ein gewachsenes Verständnis für die je eigene Rationalität der anderen Seite. Schulen operieren in einem Globe, der durch Krisenwahrnehmung und Unsicherheit geprägt ist, sie agieren pädagogisch, reagieren auf konkrete Lernsituationen und -probleme, entwickeln Lösungen, die vor Ort gut funktionieren müssen. Schulaufsicht und Bezirksregierung arbeiten mit längeren Zeithorizonten und anderen Legitimationslogiken. In der gemeinsamen Arbeit wurde sichtbar, warum die andere Seite so handelt, wie sie handelt, und genau das ermöglicht wechselseitiges Vertrauen in die jeweilige Arbeit.
Die Bertelsmann Stiftung hat das Netzwerk LuPe² gemeinsam mit dem Bildungsland Sachsen 2030 in diesem Jahr mit dem “Change Learning Award” ausgezeichnet, der für herausragende Projekte und Verbünde vergeben wird, die institutionelle Grenzen überwinden und Lernumgebung, Teilhabegerechtigtkeit und persönliche Entfaltung der kommenden Generationen stärken. Der Award ermutigt uns darin, die organisationsübergreifende Kooperation vor Ort auch für den Bereich der Reform der gymnasialen Oberstufe in NRW fortzusetzen, damit kreative Bürokratie und starke Demokratie kein Festivalthema bleiben, sondern in der Praxis der Zusammenarbeit gelebt werden. Besonders freuen wir uns zudem darüber, dass die Bertelsmann Stiftung unsere Arbeit in Zukunft begleiten und unterstützen wird. Dabei wird es auch darum gehen, was die beiden ausgezeichneten Projekte voneinander lernen können.
"Show me yours, I'll show you mine" – das OER Camp in Detmold
Es gibt ein Problem, da sind Menschen mit Ideen, in einem Raum voller Offenheit für Lösungen. Und plötzlich heißt es nicht mehr „man müsste mal“, sondern: „Wir machen das jetzt einfach.“
Ende Mai fand in Detmold die OER Camp Werkstatt 2026 statt. Einen ausführlichen Bericht findet ihr hier. Das Institut hat an diesem Austausch und Arbeitstreffen teilgenommen. David Tepasse hat mit Interessierten Möglichkeiten ausgelotet, wie eine Veränderung von Prüfungsformaten im Rahmen eines wirksamen Change Managements gelingen kann.
Feedback-Bögen generieren
Als Produkt ist bei OER-Camp in Detmold ein Generator entstanden, mit dem sich online Feedbackbögen erstellen lassen, die sinnvolle Rückmeldungen auf ganz unterschiedliche Prüfungsformate ermöglichen. Das von Christian Haake erstellte und gehostete Werkzeug hat zum Ziel, »den Dokumentationsaufwand im Bildungsbereich zu reduzieren und die Qualität formativer Rückmeldungen zu sichern.«
Link: fbg.haak3.de

Stellungnahme zur Obenstufenreform NRW
Im Oktober 2025 wurden die Entwürfe für die Kernlehrpläne der Sekundarstufe II in NRW zur Verbändebeteiligung und zur frühzeitigen Orientierung der Öffentlichkeit publiziert. Allen gemeinsam ist ein neues Kapitel: »Lernerfolgsüberprüfung und Leistungsbewertung««. Aus unserer Sicht eröffnet es einen Möglichkeitsraum, der bislang noch zu wenig Beachtung gefunden hat.
Prüfungen sind entscheidende Hebel dafür, welche Kompetenzen im Unterricht tatsächlich angebahnt werden und welche Haltungen zum Lehren und Lernen sich etablieren. Vor diesem Hintergrund begrüssen wir das neue Kapitel ausdrücklich, weil es einen Rahmen formuliert, der eine Veränderung von Lern- und Prüfungskultur systematisch anlegt.
Wichtig sind für uns folgende Aspekte:
- Anschlussfähigkeit an die Lernkultur. Der Entwurf versteht Lernen als kumulativen, reflexiven Prozess und verschränkt Leistungsbewertung mit Diagnose, Feedback und individueller Entwicklung. Prüfungsformate gewinnen deutlich an Vielfalt, und komplexe Leistungsnachweise werden als gleichwertig zu Klausuren ausgewiesen. So entsteht erstmals ein curricularer Rahmen, der lernwirksame Unterrichtsentwicklung prüfungslogisch absichert, statt sie durch überkommene Routinen zu konterkarieren.
- Spielräume in Prüfungsformaten. Innovation scheitert in der Praxis seltener an Überzeugungen als an Unsicherheit über rechtliche und curriculare Spielräume. Hier schafft der Entwurf eine gute Grundlage: Die Ausdifferenzierung von Leistungsdimensionen legitimiert neue Formate fachlich und rechtlich, die Betonung von Prozess-, Kooperations- und Reflexionsleistungen stützt Entwicklungsprozesse, und die Öffnung hin zu wissenschaftspropädeutischen und präsentativen Formaten kann für einzelne Schulen profilbildend wirken.
- KI ist überall mitgedacht. Die verpflichtende Berücksichtigung generativer KI-Systeme markiert einen kulturellen Wendepunkt. Sie zwingt Schulen, Fragen von Autorschaft, Leistung, Transparenz und Bewertung systematisch zu klären – und erfordert genügend Zeit und Raum für Fortbildung und schulinterne Verständigung.
- Mögliche Spannungsfelder. Trotz grösserer Vielfalt behalten Klausuren ihre strukturelle Dominanz, gerade mit Blick auf das Abitur; auch hier sollte die kluge Weiterentwicklung von Aufgabenformaten weitergehen. Die Formatvielfalt erhöht zudem den Abstimmungsbedarf in Fachkonferenzen, für den Strukturen, Zeit und gemeinsame Qualitätskriterien bereitstehen müssen. Und Prozess- sowie Reflexionsleistungen verlangen transparente Bewertungsmassstäbe, um Akzeptanz zu sichern.
Wir freuen uns auf den weiteren Entwicklungsprozess und bleiben gespannt. Die ganze Stellungnahme findet sich hier:
»Kleine Idee, große Wirkung«
Wir freuen uns, dass die integrierte Gesamtschule Bonn-Beutel mit einer Idee, die durch das Institut verbreitet wurde, einen Entwicklungsschritt machen konnte:
Die Kinder erhalten die Klassenarbeit und können sich dann fünf Minuten mit einer vorher festgelegten Lernpartnerin oder einem Lernpartner über die Aufgaben austauschen. Dabei dürfen sie nichts aufschreiben, sondern nur reden. […]
Es ist schön, zu beobachten, welch angstfreie Stimmung diese fünf Minuten in der Klasse auslösen. Die Kinder und Jugendlichen sind sehr fokussiert, weil sie die kurze Zeit optimal nutzen wollen. Diese Fokussierung lenkt sie von ihrer Angst ab. Sie können Fragen stellen, und das gibt ihnen Sicherheit.